Singen trotz Sprachverlust 1/2

„Musik ist das letzte, das uns bleibt“, schrieb der Psychologe Oliver Sacks. Dies bestätigt sich besonders bei Menschen mit Demenz, die mit Musik in Berührung kommen. Denn sie berührt das Herz und auch das Hirn – selbst bei Menschen, die sich verbal nicht mehr ausdrücken können und kaum noch Reaktionen zeigen.

Es ist keine Seltenheit, dass an Alzheimerdemenz erkrankte Patienten, ihnen früher bekannte Lieder plötzlich wie aus dem Effeff mitsingen – auch, wenn sonst keine Verständigung mehr möglich ist. Gleichzeitig kann Musik beruhigen oder auch aktivieren helfen. Welche Stimmungslage angesprochen wird, ist meist in der Biografie verankert. Denn, was einen Menschen aufwühlt oder missfällt, kann einen anderen besänftigen oder anregen.

Gemeinsames Singen eröffnet Kontakt

Ob „a cappella“ (ohne Instrumente) oder mit Musikbegleitung – live oder „aus der Dose“ –  Demenzkranke stimmen wenn sie eine ihnen bekannte Melodie hören meist sofort ein. Vor allem Lieder aus ihrer Kindheit oder Jugend gehen ihnen fehlerfrei von den Lippen – und das, obwohl sie nicht mehr wissen, was sich vor fünf Minuten ereignet hat.

Häufig kehren mit den Liedern auch Erinnerungen an längst vergangene Zeiten zurück, weshalb sich Musik auch zur Biografiearbeit eignet. Besonders dann, wenn das Langzeitgedächtnis nachlässt und kaum noch verbale Fähigkeiten vorhanden sind. An Alzheimer erkrankte Menschen beginnen dann meist wie automatisch rhythmisch den Takt zu schlagen oder schaukeln im Einklang mit der Melodie.

Musik aktiviert viele Hirnregionen

Warum gerade Musik Menschen aus ihrer Isolation führen kann, wird darin vermutet, dass Musik viele Bereiche im Gehirn stimuliert. Dieses Netzwerk manifestiert sich aus Verknüpfungen mit fast allen elementaren Einheiten im Hirn, etwa die für Motorik, Gefühle, Sprache und das Verhalten zuständigen Systeme.

Viele Studien belegen die positive Wirkung regelmäßiger musikalischer Betätigung: sie kann Agitiertheit reduzieren helfen, die Wortfindungsfähigkeit verbessern und insgesamt das Wohlbefinden steigern. Ob im Frühstadium oder bei weit fortgeschrittener Demenz: Gemeinsames Singen erzeugt in jedem Fall Verbundenheit und eröffnet Nähe, die die Patienten vielleicht nicht kognitiv erfassen können, bestimmt aber mit dem Herzen.

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